5. Woche – San José

Kunstmuseum

Unser Lieblingsquartier in San José ist das MiCasa Hostel, das sich ganz in der Nähe des Sabana Parks befindet. In diesem Park ist auf der dem Stadtzentrum nahen Ostseite ein auffälliges weißes Gebäude. Das ist das Kunstmuseum von San José, welches einmal das Empfangsgebäude des früheren internationalen Flughafens war. Der Eintritt in dieses Museum ist frei. Hier wird vor allem zeitgenössische Kunst ausgestellt, aber auch der ehemalige Wartesaal für Diplomaten im Obergeschoss ist sehr sehenswert.

Im Inneren des Gebäudes erinnerte mich vieles an die moderne Kunst zuhause in Berlin im Museum Hamburger Bahnhof, den ich auch sehr gern besuche. Vor dem kleinen Bild ‚Natalia‘ hätte ich ewig stehen können und immer noch etwas darin entdeckt.

Als ich das Gebäude Richtung Skulpturengarten verließ, zog zuerst eine große Marmorplastik meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich bin immer wieder fasziniert, wie Künstler dem harten Marmor Formen geben können, die so weich und plastisch aussehen. Mein „Weltreiseauge“ sucht ja immer nach Zusammenhängen mit indigener Kunst und Kultur. Der große steinerne Kopf sowie die Gruppe der indigenen Frauen zogen mich danach besonders in den Bann.

Wie in Berlin wurde auch hier in San José ein ehemaliges Verkehrsgebäude zum Museum moderner Kunst – witzig. Und damit kann ich zu meinem nächsten Thema kommen:

Eisenbahn (Ferrocarriles)

Als Liebhaber von funktionsfähigen und benutzten Eisenbahnstrecken habe ich mich ja schon früher geoutet. Auch hier in San José gab es für mich etwas zu entdecken. Nach längerem Studium entsprechender Internetseiten begriff ich, dass es in Costa Rica wahrscheinlich noch drei Eisenbahnstrecken gibt, die in Betrieb sind. Allerdings ist die Seite der Staatsbahn Incofer nicht auf Touristen ausgerichtet und bisher leider nur in Spanisch. Wesentlich mehr Informationen konnte ich dieser Internetseite aus der Schweiz entnehmen.

Ursprünglich gab es in Costa Rica viel mehr Eisenbahnen, die das Land vom Atlantik zum Pazifik durchquerten. Heute kann man das nur noch anhand der Bahnhofsnamen ahnen. Es gibt einen den Pazifischen Bahnhof (Estación del Pacífico). Hier fahren die Vorortzüge nach Belén ab. Da die Strecke nach Belén nahe unseres Sabanaparks eine Haltestelle hat, wurde diese unser erstes Ziel, um Eisenbahnfahren in Costa Rica zu erleben. Die Züge fahren hier unter der Woche nur am Morgen sowie nachmittags. An der Station ‚Sabana‘ kam nach kurzer Wartezeit ein Zug, der leider nicht bis zur Endstation, sondern nur bis Metropoli fuhr.

Wir sind also mit dem Zug bis Metropoli gefahren. Wer jetzt unter Umständen an einen Ort in der Art von Fritz Langs ‚Metropolis‘ denkt, unterliegt dem gleichen Irrtum wie ich. Die beiden folgenden Filmclips (Rangierfahrt der Lok in Metropoli und Zuginnenansicht) sind dort aufgenommen worden und es sieht da wirklich nicht aus wie in der riesigen Filmmetropole. Einige Tage später begriff ich, dass wir uns dort in der Nähe zu einem Elendsviertel namens La Carpio befunden haben, worüber ich am Ende diesen Abschnitts*) etwas schreiben werde.

Da die Übergänge zwischen den Waggons offen waren, fühlte ich mich an die Eisenbahn in meiner Kindheit in Nebra/Unstrut erinnert. Auch der Geruch von Eisen und Schmiere versetzte mich in der Zeit zurück. Dieser Zuginnenansicht kann man entnehmen, wie stark die Wagen schwanken, weil die Schienen nicht verschweißt, sondern nur verschraubt sind. Aber wir sind nicht umgekippt und das Personal zeigte sich auch ähnlich Stewardessen vollkommen ungerührt angesichts der Bewegungen.

Wenn ich den Fahrplan richtig verstanden habe, gibt es auf dieser Strecke neben den Zügen zwischen Pazifischem Bahnhof und Belén einen durchgehenden Zug täglich in jeder Richtung, der zu den Universitäten von San José weiterfährt. Und dadurch, dass wir nur bis Metropoli gefahren waren, haben wir genau diesen Zug erwischt! Wir konnten also auf der Rückfahrt im Zug sitzen bleiben und sind quer durch die Innenstadt bis zum Atlantischen Bahnhof gefahren. Vom Feeling her war die Fahrt ähnlich wie eine Fahrt mit dem Molli auf Rügen, nur lateinamerikanisch.

Der Atlantische Bahnhof (Estación del Atlántico) ist ein optisches Highlight. Hier beginnen und enden die Vorortzüge Richtung Cartago und Alajuela. Die Station ist renoviert und hat alles, was man von einem schönen Bahnhofsgebäude erwartet, Schalter, Imbiss, Bahnsteige, Richtungsanzeiger und natürlich das Bahnpersonal in rot gekleidet. Am Überraschendsten für mich allerdings war der hier aufgestellte Heilige der Eisenbahn. Damit kommen mein Berufsumfeld (Kirche) und Hobby (Eisenbahn) so dicht zu einander, wie ich es nie gedacht hätte! Im Garten des Bahnhofs liegt eine große Steinkugel, die vermutlich zu den Funden gehört, die man der präkolumbianischen Epoche in Costa Rica zuschreibt.

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Heiliger der Eisenbahn

Vom Bahnnetz haben wir bis auf die beiden Endbahnhöfe Belén und Basílica wirklich alle Strecken abgefahren. Auf den beiden Strecken nach Cartago und Alajuela wurden an dem Samstag, an dem wir reisten übrigens modernere Triebwagen eingesetzt, die gefedert waren, so dass wir nicht jeden Schienenstoß spürten. Auf der Fahrt nach Cartago sah ich im Vorbeifahren auch den Abzweig, der zum Pazifischen Bahnhof führt.

Ein besonderes Vergnügen sind auf einspurigen Strecken Zugbegegnungen. Die im folgenden Clip aufgenommene Begegnung fand zwischen den Bahnhöfen Tres Rios und UACA statt.

Die Stationen entlang dieser beiden Linien sind meist neu und mit Rollstuhlrampen versehen. Aber nur selten gab es Schilder, auf denen der Stationsname steht. Auf dem Bahnhof CFIA allerdings gab es sogar ein Schild, welches alle Stationen der Linie als Kette darstellte.

Im Gegensatz zu der Strecke nach Belén scheint das Umfeld intakt und wohlhabend zu sein. Es befinden sich mehrere Universitäten an der Route.

*) Einige Tage nach unserem Ausflug nach Metropoli unterhielt ich mich mit einem jungen Mann, der als Freiwilliger von Brot für die Welt nach Costa Rica entsandt worden ist. Er ist hier in Costa Rica bei der evangelischen Kirche tätig und einer seiner Einsatzorte befindet sich in einem Kindergarten in La Carpio, welches sich nicht weit entfernt von Metropoli befindet. Er stellte mir mit lebhaften Bildern seine Erlebnisse in diesem Ortsteil dar. Dabei wußte er sowohl von schönen und optimistischen Situationen zu erzählen, aber auch von dramatischen und sehr deprimierenden Umständen. Durch dieses Gespräch veränderte sich meine Wahrnehmung Costa Rica’s und bekam auf einmal eine andere Tiefe.

Konzert

Am Freitagabend hatte uns die Kollegin von Claudia eingeladen, mit zu einem öffentlichen Konzert der Orquesta Filarmónica unter Leitung von Marvin Arara zu kommen.

Der Veranstaltungsort lag mitten im Zentrum vor der Kirche ‚Unsere liebe Frau von der Einsamkeit‘. Wer allerdings bei einem Konzert der Philharmonie klassische Musik erwartet hat, wurde bald eines Besseren belehrt. Das Motto des Konzertes lautete ‚Somos latinos‘, was man eventuell übersetzen kann mit ‚wir sind lateinamerikanisch‘ und entsprechend war die Musik.

Nach der Begrüßung durch einen redegewandten Moderator wandte sich der Dirigent Marvin Arara an sein Publikum. Und wenn ich auch kaum ein Wort verstand, war es ein Genuss, diesem Mann beim Sprechen zuzusehen und dem Klang seiner Stimme zu lauschen. Dem Beifall war zu entnehmen, dass er wohl die richtigen Worte gefunden hatte.

Gesanglich wurden die Philharmoniker von mehreren sehr unterschiedlichen Sängern und Sängerinnen begleitet. Erstaunlich, wie schnell viele der ZuschauerInnen mittanzten und noch erstaunlicher, wie viele Menschen offensichtlich die Lieder kannten und aus voller Kehle mitgesungen haben.

Der Abschluss des Konzertes wurde vor dem letzten Stück angekündigt und danach gab es – sicher nicht nur für mich überraschend – ein Feuerwerk, so dass die Da capo Rufe untergingen.

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Nach dem Konzert erfuhren wir von den tödlichen Zusammenstößen zwischen Polizei und Bevölkerung im Nachbarland Nicaragua, was leider der vorher so ausgelassenen Stimmung einen Dämpfer versetzte.

Ein Uberfahrer kommentierte am nächsten Tag unsere Frage nach seiner Meinung zu den Ereignissen in Nicaragua so, dass er die Nicaraguaner als ‚violencia‘ (heftig) und die Costaricaner als ‚tranquilo‘ (ruhig) beschrieb, aber damit wird man die Ereignisse sicher nur zum Teil erklären können.

Denkmäler

Zum Abschluss dieses Beitrages möchte ich noch auf zwei Monumente hinweisen, die ich hier in San José gesehen habe.

Es handelt sich zum einen um das Monumento National de Costa Rica. Dieses auffällige große Standbild befindet sich im Nationalpark und erzählt weit mehr als nur einen Teil der Geschichte Costa Rica’s. Nachdenklich machte mich die Darstellung der Figur für das Nachbarland Nicaragua, dessen Bevölkerung bis in die heutige Zeit nicht in solchen relativ guten Umständen lebt, weshalb die meisten Flüchtlinge in Costa Rica auch von dort kommen.

Das letzte Denkmal steht am Plaza de la Libertad Electoral vor dem Tribunal Supremo de Elecciones de Costa Rica und weist wohl auf die Bedeutung der freien Wahl hin. Wofür die Zahl 1996 auf dem Sockel steht, habe ich leider nicht herausbekommen können. Vielleicht weiß es ja eine Leserin oder ein Leser meines Blogs?

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Plaza de la Libertad Electoral

Ein Gedanke zu “5. Woche – San José

  1. Lieber Herr Heine,
    nun komme ich wieder einmal zum Stöbern in Ihrem Reisebericht…
    Und freue mich von Herzen für Sie , dass Sie das alles erleben dürfen und natürlich für mich, dass Sie uns mit so ausführlichen, interessanten Berichten und den wunderschönen Fotos mitnehmen und teilhaben lassen!
    Herzliche Grüße aus Görlitz an Sie und Ihre Familie, bleiben Sie alle gesund und behütet!
    Birgit Finke

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